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Des Baron Münchhausen´s tollkühne und wundersam luftige Reise ob der Weser

Gemeinhin mag Dr. Nicolaides, der 1964 als erster einen Motorschirm (Irish Flyer I) konzipierte, der von dem Testpiloten Lowell Farrand geflogen wurde, als Erfinder des Paramotorfluges gelten. Bei meinen diesbezüglichen Recherchen stieß ich aber völlig unerwartet im Stadtarchiv von Bodenwerder, sicherlich vielen Lesern ein Begriff als Baron Münchhausen´s Stadt, auf ein wohl einzigartiges historisches Dokument, das nun eine Revision der bisherigen Geschichte dieses Flugsportes erfordern dürfte. Leider ist dieses bedeutende Dokument aus der Feder des Münchhausen-Biographen Rudolph Erich Raspe (1736-1794) zwischenzeitlich auf unerklärte Art und Weise verloren gegangen. Geblieben ist nur die Abschrift, die ich während meiner Recherchen im Stadtarchiv angefertigt habe. Ich schwöre aber jeden Eid, dass meine Abschrift die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit beinhaltet, der ich weder etwas hinzufüge noch von der ich etwas verschweige.


Hier nun meine wörtliche Abschrift: „Das 35. Kapitel der Biographie des Karl Friedrich Hieronymus, Freiherr von Münchhausen (11. Mai 1720 – 22. Februar 1797). Schier unmöglich für normale und für Ihre Bodenständigkeit bekannte Ost- und Westfalen, aber ein Leichtes für mich, den für seine Abenteuer überregional bekannten Baron Münchhausen: Sich nur mit einem läppischen Fetzen Stoff, einer kleinen umgekehrten Windmühle, die ich schlicht Motörchen nenne, etwas Westwind und der natürlich allgefälligen Portion Courage in die Lüfte zu erheben und auf diese Weise der Schwerkraft zu entfliehen. Während ich sodann ob der Weser in Richtung warmen Süden flog, warf ich aus unerhörten JVE Höhe (Anm. des Kopierers, die genaue Bedeutung von JVE ist nicht bekannt; sinngemäß würde man heute von „jenseits-von-Ewa-Höhe“ sprechen) mein Konterfei auf die Wolken, bin mit Nonchalance über den Kugel- und Kanonenhagel feindlicher Milizen hinweg geschwebt und habe mit Contenance und so quasi nebenbei zur Belustigung des gemeinen Pöbels lockere Überschläge geflogen. Ja, mein hochverehrtes Publikum, wer bis jetzt dachte, er hätte mit Luftakrobaten à la Küng oder Rodriguez die Möglichkeiten der Fetzenfliegerei erahnt, den möge diese Geschichte eines besseren belehren und ein neues Tor in eine bis dahin völlig unbekannte Landschaft aufstoßen – in das Land von Münchhausen´s Paramotörologie. Mit meinen getreuen Gefährten HW, auch bekannt als „Mistralix“, beliebte es mir – in aller Bescheidenheit - das Außergewöhnliche zu vollbringen. In unserer für Ihre geschichtlichen Sehenswürdigkeiten allweit bekannten Region Ostwestfalen und Weserbergland vollbringt die sagenhafte Weser nicht nur eine Ost-West-Kehrtwende – bekannt als großer Weserbogen -, nein, es gelingt ihr sogar, das Wesergebirge in Richtung norddeutsche Tiefebene zu durchstoßen, was den Römern seinerzeit eine Einfallsmöglichkeit, der allfällig bekannten Tür nach Westfalen „Porta Westfalica“, eröffnete, die dann allerdings in einer geschichtsträchtigen Niederlage gegen meinen direkten Ahnherr, den Cheruskerfürsten „Hermann the German“ (auch genannt Arminius) am Teutoburger Wald endete. Diese wiederum veranlasste den ersten römischen Kaiser Augustus zu seinem weinerlichen Gejammer:„Vare, Vare, redde mihi legiones meas!“ („Varus, Varus gib mir meine Legionen wieder!“) und schließlich zum Rückzug auf den Limes. Ich erwähne dies nicht um weitschweifig oder gar prahlerisch zu werden, vielmehr geht es darum, das geneigte Publikum auf die nachfolgend beschriebene ungewöhnliche Tat einzustimmen und ihr den gebührenden historischen Rahmen zu gewähren.

Doch hier nun die Geschichte im Einzelnen: Seinen eigentlichen Lauf begann dieses Abenteuer wohl im Hüllhorster Wirtshaus als mich bei einem gemütlichen Glas Barrebräu ein ortsbekannter Trunkenbold lauthals herausforderte und nicht glauben mochte, dass es mir und meinem Getreuen denn ganz leicht möglich sei, uns mit wirklich allereinfachsten Mitteln in die Lüfte zu erheben und über die Köpfe sämtlicher Feinde hinweg zu den Mäusefängern nach Hameln und danach weiter zu meiner Heimatstadt Bodenwerder zu reisen. Als ob dies´ nicht schon genug wäre, veranlasste mich eine bierselige Laune, noch eines drauf zu setzen: Diese Zweitagesreise für Ross und Reiter wollte ich in nur zwei Stunden vollbringen. Auch versprach ich, diesmal nicht auf einer Kanonenkugel zu reiten.

So standen wir denn eines Nachmittags auf dem Mühlengelände in Schnathorst am Wiehengebirge, warfen jeder ein Stück Stoff hinter uns und halfterten eine kleine umgekehrte Windmühle – besagtes Motörchen. Unter dem fröhlichen Gegröle der Dorfjugend und einiger älterer Müller warfen wir uns denn alsbald tollkühn in die Lüfte und begannen unsere wundersame Reise gen warmen Süden und gen meine liebliche Heimat Bodenwerder.



Wir erhoben uns in luftige Höhe und wurden der unglaublichen Schönheit unserer von sanften Hügeln, vielen Wasserläufen und Flußauen geprägten Heimat gewahr. Wie eine gewaltige, grüne Riesenschlange zog sich der bewaldete Rücken des Wiehengebirges unter uns in Richtung Osten. In der Ferne konnten wir schon das mäandernde, blaue Band der Weser erkennen, das sich irgendwo in der dunstigen Unendlichkeit der Landschaft verlor. Wir flogen hinweg über den Kammweg des Wiehengebirges, den bereits der Sachsenkönigs Widukind (Wittekind), der seinerzeit im achten Jahrhundert unsere Region gegen die Franken und Begehrlichkeit Karls des Großen verteidigte, geritten war. Just bei diesem Ritt dachte er darüber nach, was denn der rechte Glaube sei? Als sein Pferd dann in Bergkirchen, über das wir nun gerade flogen, stehen blieb und einen Stein wegscharrte, worauf an dieser Stelle eine Quelle entsprang, nahm Widukind dies´ als Zeichen zum Christentum überzutreten und seinen jahrzehntelangen Kampf zu beenden. So flogen wir also auch über seine alte Fliehburg, die Wittekindsburg, hinweg, von der sogar noch heute märchenhafte Drachen starten, die bevorzugt bei Südwind entlang des Wiehengebirges fliegen und dort Angst und Schrecken verbreiten. Vor dem großen Weserbogen flog ich auf Höhe der Wolken und erschrak ganz mächtig als mich plötzlich mein gespiegeltes Antlitz umgeben von einem schillernden Regenbogen aus eben derselben anblickte.

Die nächste Station war die Porta Westfalica mit dem Denkmal des Kaiser Wilhelm II., der nach wie vor hoch über der Weser stehend und ausgestattet mit einem überaus imposanten Backenbart die Pforte nach Westfalen hütet. Ganz nahe flogen wir an ihm vorbei und konnten ihm tief ins Auge blicken. Ich glaube der alte Schwerenöter zwinkerte mir sogar zu, aber vielleicht was es auch nur ein Reflex im Licht der untergehenden Sonne?

Wir flogen nun quer durch den großen Weserbogen auf Veltheim zu, dessen schlummernde Schlote weithin sichtbar sind und wo feindliche Milizen während eines Schützenfestes vergeblich versuchten, uns mit ihren Schüssen vom Himmel zu holen. Von dort folgten wir dem sich windenden, dunkelblauen Band der Weser und ihren vielen Buchten und Seen in Richtung Rinteln, dessen damalige Universität (Academia Ernestina) der Stadt nach der großen Pest wieder zum Leben verhalf. Berühmt wurde diese Universität nicht etwa durch ihre Gelehrten von Weltruf – weit gefehlt. Berühmt wurde sie durch ihre Universitätskommisse, eine Art Studentenmensa, in der Professoren und Studenten unbehelligt vom städtischen Schankmonopol zu niedrigen Preisen Bier und Wein saufen konnten. Genaugenommen verdankt Rinteln also sein Wiederaufleben nach der Pest der Sauferei seiner Intelligenzia, was ich hiermit anderen Städten in Not denn gerne zur Empfehlung gereichen möchte.



Flugs ließen wir nun Rinteln hinter uns und erblickten auch schon zwischen bewaldeten Hügeln die Tore der Rattenfängerstadt Hameln im sagenumwobenen Weserbergland. Die Geschichte mit den Kindern, die so mir nichts dir nichts verschwanden, ist natürlich eine Lüge oder seien wir nachsichtig, eine leichte Übertreibung, wovon ich dank meiner natürlichen Bescheidenheit etwas verstehe. Es waren halt schlechte Zeiten in Hameln und meine Adelskollegen aus dem Osten warben junge Leute zur Siedlung in Brandenburg an, was schließlich zum sagenumwobenen Exodus vieler junger Leute führte. Während wir denn so ob der Weser über Hameln flogen kam etwas Übermut in uns auf und wir setzten nach ein paar Flügelwinkern zum aeronautischen Manöver des Überschlags an, was zur abendlichen Belustigung der Hamelner Bürger beigetragen haben mag.

Aus einer Höhe von 600 m über Hameln schweifte unser Blick nun nach Südosten, wo wir im blauen Dunst den 90 km entfernten Harzer Brocken sichteten. Wir stiegen nun auf eine gigantische JVE Höhe (Anm. „jenseits-von-Ewa-Höhe“) auf, in der unsere Messinstrumente ihre Dienste versagten. Über uns verlor der Himmel allmählich seine blaue Farbe und wir erahnten bereits die Schwärze des Alls und konnten Sterne sehen. Es wurde sehr, sehr kalt und mit jedem Ausatmen bildete sich vor meinem Mund ein riesiger Eisball, der sodann abbrach und kometenhaft nach unten mit lautem Klatschen in die Weser fiel.

Wir entflohen wieder der Kälte des Alls und spiralten in die Tiefe. Dabei zielten wir auf das AKW Grohnde (Anm. des Kopierers, AKW bedeutete im jüngeren Altmittelhochdeutsch „Altes Köhler Werk“) und seine feindlichen, feuer- und dampfspeienden Türme.

Auch diese konnten uns nichts anhaben und wir setzten unsere Reise nach Bodenwerder fort, das nun lieblich im Glanz der untergehenden Sonne vor uns lag. In der Nähe des Turmes auf dem Hügel vor der Stadt sahen wir einen weiteren Drachenstartplatz. Wir flogen über die Stadt und mein Haus. Ich blickte auf die vielen Skulpturen und Denkmäler herab, die meine freundlichen Mitbürger zur Erinnerung an meine vielen Heldentaten errichtet hatten, und dem sie nun wohl ein weiteres hinzufügen müssen: Münchhausen´s Fetzenflug mit Paramotörologie.

So hatte ich denn glücklich meine 35. Tat vollbracht und war wie angekündigt von der Hüllhorster Struckhof Mühle luftig nach Bodenwerder gereist.“ (Hier endet die wörtliche Abschrift).

Wer heute mit dem Motorschirm Münchhausen´s Abenteuer nachfliegen möchte, dem bieten sich als Startplätze z.B. die Flugplätze Melle oder Porta-Westfalica an. Auf beiden Plätzen sind Motorschirmpiloten willkommen. Man kann so z.B. vom Flughafen Porta-Westfalica zum Flughafen Höxter-Holzminden (ca. 75 km) oder von Melle nach Bad Pyrmont (80-90 km) fliegen. Beim Nachfliegen sind wir mit der abendlichen Sonne im Rücken von Schnathorst nach Bodenwerder, eine Distanz von etwas mehr als 70 km, mit offenen Beschleunigern in etwas weniger als zwei Stunden geflogen und wurden anfänglich von einem leichten Westwind von ca. 5 Knoten unterstützt. Nach der Querung der Weser in Porta Westfalica (nördlich des Flughafens) sollte man sich in Richtung Kraftwerk Veltheim halten um den Bückeburger Luftraum der Heeresflieger nicht zu verletzten. Bei Rinteln bitte deutlich auf der nördlichen Seite der Weser fliegen um nicht in die Platzrunde der Segelflieger zu gelangen. Hält man dann noch 600 m Abstand zum AKW Grohnde, dann kann man ansonsten recht frei der Weser folgen und hat keine weiteren Beschränkungen zu beachten. Für den Fall der Fälle gibt es in den Weserauen reichlich Platz für Sicherheitsaußenlandungen. Viel Spaß bei Münchhausen´s Flug wünschen Euch Ralf und HW.